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Mehr Halbprofi denn Breitensportler

Der neue VW Golf R leistet inzwischen 320 PS. Seine wahre Stärke liegt aber nicht bei den Fahrleistungen, sondern in seiner Ausgewogenheit.

Grosse Lufteinlässe, Front- und Dachspoiler und Diffusor – beim Design des Golf R geht VW in die Vollen. Bilder: Volkswagen

11.06.2021

Besonders sportliche Versionen von im Grunde recht zivilen Basisfahrzeugen ziehen häufig mehr Blicke auf sich als echte Sportwagen. Ein Porsche 911 etwa gehört in der Schweiz zum normalen Strassenbild und ruft kaum Begeisterungsstürme hervor. Wer es auf Aufmerksamkeit anlegt, fährt paradoxerweise mit einem Golf besser, allerdings nicht mit einem schnöden Diesel oder normalen Benziner, und selbst ein GTI reicht da nicht. Wenn allerdings im Heck ein «R» steht, dann sieht die Sache schon anders aus.

Selbst wer die dynamische Variante des bürgerlichen Bestsellers nicht explizit kennt, dem wird die Optik gleichzeitig vertraut und irritierend anders vorkommen. Das liegt daran, dass VW schon beim Aussendesign in die Vollen geht: Extra grosse Lufteinlässe an der Front, Stossfänger mit Frontspoiler und natürlich auch eine blaue Querspange am Kühlergrill sowie ein Dachspoiler und ein schwarz glänzender Diffusor mit vier Endrohren sorgen für einen unmissverständlich sportlichen Auftritt. Der im Vergleich zum Normalo-Golf um zwei Zentimeter abgesenkte, muskulöse Korpus steht zudem mindestens auf 18-Zoll-Felgen.

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Wem das alles nicht reicht, der ordert das Performance-Paket. Hier wird nicht nur die mögliche Höchstgeschwindigkeit von 250 auf 270 Kilometer pro Stunde angehoben, sondern es gibt zu den vier wählbaren Fahrmodi Comfort, Sport, Race und Individual noch zwei obendrauf: Special und Drift. Während der letztgenannte allenfalls auf abgesperrter Strecke zum Einsatz kommen sollte, versteckt sich hinter Special eine Programmierung, die eben «speziell» auf die Nordschleife des Nürburgrings abgestimmt ist.

Straff, aber komfortabel

Der Innenraum erinnert an einen normalen Golf.
Der Innenraum erinnert an einen normalen Golf.

Genug geschaut, nun geht es hinter das Lenkrad. Und da wird man auf den ersten Blick leicht enttäuscht: Der R gibt sich im Innenraum im Grossen und Ganzen wie ein normaler Golf, vor allem aber klingt er auch so. Der Motor ist akustisch eher brav, da kann auch der alberne Soundgenerator im Innenraum nicht darüber hinwegtäuschen. Im Comfort-Modus fährt der Sport-Golf auch entsprechend kommod an, was sich während der Testzeit nicht als Schwäche, sondern als grosse Stärke des Modells entpuppt. Die Wolfsburger haben es geschafft, den R absolut alltagstauglich zu machen. Trotz der straffer ausgelegten Stabilisatoren und Federn fährt er sich ziemlich komfortabel, was sicher nicht nur am Fahrwerk, sondern auch an den sportlich-kommoden Sitzen liegt, die zusätzlich viel Härte wegbügeln.

Doch es geht auch anders, schliesslich schlägt unter der Haube die neueste Ausbaustufe des Zweiliter-Turbobenziners, der es im Golf R auf 320 PS bringt und ein maximales Drehmoment von 420 Nm über ein breites Drehzahlband zur Verfügung stellt. Mit dem R-Knopf am Lenkrad lassen sich die Fahrprofile auswählen, und schon bei «Sport» geht es ganz anders zur Sache. Hier zeigt sich auch, dass im stärksten Golf viel ernsthafte Ingenieursarbeit steckt und man sich nicht mit optischem Zierwerk und einem starken Motor zufriedengibt. Wo der Golf GTI noch seinem Image als Breitensportler frönt, kann man den R schon zumindest als Halbprofi einordnen.

Nicht vergessen darf man, dass der Golf R im Gegensatz zum GTI über alle vier Räder angetrieben wird. Das 4Motion-System ist mit sogenanntem Performance Torque Vectoring ausgestattet. Das heisst: Das Hinterachsgetriebe verteilt die Antriebskraft nicht nur zwischen den Achsen, sondern auch variabel zwischen dem linken und rechten Hinterrad. Zusätzlich hat VW den Allradantrieb mit der elektronischen Differenzialsperre und dem adaptiven Fahrwerk vernetzt. So verhält sich der R selbst in sehr schnell angesteuerten Kurven äusserst stabil. Zudem macht diese Art der Agilität vor allem in Verbindung mit der serienmässigen Progressivlenkung grossen Spass, auch wenn man sich vom Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe ab und zu eine schnellere Reaktion wünscht.

Falsche Fehlermeldungen

Eher nervig sind die vom Basis-Golf übernommenen Bedienschwächen, etwa bei der Einstellung der Temperatur mittels der bereits viel kritisierten Slider. Sie reagieren ungenau und mit Verzögerung, zudem ist es kaum möglich, sie zu bedienen, ohne den Blick von der Strasse zu nehmen. Richtig ärgerlich waren die mit jedem Neustart auftretenden zwei bis drei Fehlermeldungen, die sich immer als falsch herausstellten, jedoch für Verunsicherung sorgten. Von der grossen Stärke früherer Golf-Generationen wie der einfachen, geradezu narrensicheren Bedienung ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Doch wir wollen den Testbericht nicht unversöhnlich schliessen. Denn der Golf R kann letztlich all das gut, was direkt mit Autofahren zu tun hat – und deswegen kauft man ja ein solches Modell. Der druckvolle Motor, das perfekte und absolut alltagstaugliche Fahrwerk sowie der gelungene optische Gesamtauftritt bleiben in Erinnerung. Den Preis ab 57 500 Franken, die Bedienschwächen und den zu hohen Praxisverbrauch wird der Käufer gelassen hinnehmen müssen. Peter Eck