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«Ja, Herr Wissenschafter, Sie haben recht!»

Im Interview erläutert Klimaforscher Reto Knutti, wie uns der Klimaschutz in einen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit stösst und wie die Energiewende dennoch gelingen kann.

Herr Knutti, die wissenschaftliche Datenlage ist eindeutig: Der menschengemachte Klimawandel existiert. Wie kann es dennoch sein, dass dieser von Vereinzelten in Frage gestellt wird?
   

Reto Knutti: Der Mechanismus, der dahintersteckt, lässt sich mit einem leicht sperrigen Begriff aus der Psychologie, der «kognitiven Dissonanz», erklären. Dabei befinden wir uns in einem quälenden Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Beispiel: Wir sollten einige Kilos verlieren und wüssten, dass etwas mehr Sport helfen würde. Dennoch sitzen wir abends lieber vor dem Fernseher, als eine Runde joggen zu gehen. So auch beim Klimaschutz: Die vorgeschlagenen Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses stehen bei einigen Politikern im Widerspruch zur Überzeugung von Freiheit, minimalem Staat und uneingeschränktem Wachstum. Oder: Wir wüssten eigentlich, dass Fliegen schlecht fürs Klima ist, und verzichten dennoch nicht auf die geliebte Fernreise.

Wie befreien wir uns aus dieser Zwickmühle?

Durch «Dissonanzreduktion». Dafür gibt es eine reiche Auswahl an Strategien, auch bekannt als die «5 Stufen der Verneinung». Stufe 1: Es gibt es nicht. Stufe 2: Ich bin nicht schuld daran. Stufe 3: Es ist doch nicht so schlimm. Stufe 4: Anderes geniesst mehr Priorität. Stufe 5: Es ist hoffnungslos. Der schwerste Weg der «Dissonanzreduktion», das eigene Weltbild zu korrigieren und sein Verhalten zu ändern, passiert leider sehr selten. «Ja, Herr Wissenschafter, Sie haben recht», werden wir von Klimaskeptikern in der Öffentlichkeit wohl kaum zu hören bekommen (schmunzelt).

Verhaltensänderungen sind schwer. Wie bringen wir den Klimaschutz dennoch voran?

Alle können etwas beitragen. Aber ich glaube nicht, dass uns Freiwilligkeit oder der freie Markt allein ans Ziel führen werden. Rationale Entscheide aufgrund von Zahlen, Fakten und Szenarien sind selten, meist handeln wir emotional. Doch für eine konsequente nachhaltige Ausrichtung unserer Lebensweise fehlt uns die persönliche Betroffenheit und tut uns der Klimawandel noch zu wenig weh.

Heisst?

Die grosse Masse wird sich erst bewegen, wenn klare Rahmenbedingungen und Anreize da sind. Klimaschutz kostet, aber kein Klimaschutz kostet langfristig mehr. Wie wir entscheiden – welche Technologie zu welchen Kosten mit welchen politischen Instrumenten –, darüber können und müssen wir debattieren, aber nicht darüber, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht. Tragfähige Lösungen können nur entstehen, wenn wir die Grundlagen ernst nehmen, auf Augenhöhe diskutieren und bereit sind, der Zukunft der nächsten Generationen mehr Gewicht zu geben.
        

Zur Person

Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich und war einer der Leitautoren beim Vierten und beim Fünften Sachstandsbericht des IPCC. Er entwickelt Computermodelle, die den Klimawandel simulieren, und arbeitet gemeinsam mit Ingenieuren Lösungen aus, um den fossilen CO2-Ausstoss zu reduzieren. Genauso wichtig wie die Forschung ist ihm die Vermittlung der Ergebnisse an die Öffentlichkeit.